Hilde Domin (1909-2006)

 

Bitte


Wir werden eingetaucht

und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,

wir werden durchnässt

bis auf die Herzhaut.


Der Wunsch nach der Landschaft

diesseits der Tränen

taugt nicht,

der Wunsch, den Blütenfrühling  zu halten.

der Wunsch, verschont zu bleiben,

taugt nicht.


Es taugt die Bitte,

dass bei Sonnenaufgang die Taube,

den Zweig vom Ölberg bringe.

Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sein,

dass noch die Blätter der Rose am Boden

eine leuchtende Krone bilden.


Und dass wir aus der Flut,

dass wir aus der Löwengrube

und dem feurigen Ofen

immer versehrter und immer heiler

stets von neuem

zu uns selbst

entlassen werden.



Aus: Der Baum blüht trotzdem, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1999

 

Freitag, 15. Februar 2008


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